Der Kopf war ganz anders, viel schmaler und ruhig ohne Anzeichen von Leiden. Ich musste Beth an der operierten Nase zuverlässig erkennen. So werde ich sie malen.

Die Gedanken über das Sterben sind da. Niemand aller Lebewesen seit Urzeiten hat am Rätsel des Todes auch nur eine Kleinigkeit herausgefunden. Mein eigenes Suchen hat bis jetzt nur ergeben, dass der Sterbende nach MC Cull (ein Amerikaner um 1900) 5 bis 65 gr. leichter wird, das wäre identisch mit dem Gewicht der sich entfernenden Seele. Dann weiss ich, dass in der Bilokation der Körper erstaunlicherweise lebend verlassen werden kann, bis zur Rückkehr.

Ich kenne Beth seit sie 35 Jahre alt war. Ich selber war etwas jünger. Wer war sie? Unternehmungslustig, temperamentvoll, hefig, immer kritisch, intelligent, sehr eigenwillig, neugierig, widersprüchlichlich, ängstlich, nie zufrieden, unsicher. Sie war nicht nur vielbelesen, und kannte alle wesentlichen Filme. Ihre umfangreiche Bibliothek besitzt viele ausgefallene Titel. Wie eine Bohemienne gefiel ihr das Flanieren mit ihrem Hund Pipa, mit den neuesten Nachrichten unter dem Arm. Sie benutze gerne Auslandsaufenthalte in England und hauptsächlich in Frankreich in Massy in der Normandie, wo sie im Atelier jedes Jahr mehrere Monate arbeitete. Sie besuchte viel Antiquitätenmärkte und schaute in den Wäldern nach Pilzen. Sie hatte ein gutes Verhältnis zu Tieren, Pflanzen und Menschen, dem Garten.

Am Anfang, als ich sie kennen lernte, malte sie, expressionistisch, surrealen Inhalts, auf Leinwand mit etwas zurückhaltenden Oelfarben. Eines Tages sagte sie, sie hätte den Pinsel weggelegt und sich der anderen Ausdrucksweise, der Collage, zugewandt. Fortan entstand ein ausgedehntes Werk mit gewichtigen, sehenswerten Leistungen, die leider immer zuwenig Beachtung fanden. Die zum Teil grösseren Werke aus farbigen Zeitungen und Zeitschriften ausgeschnitten und zusammengesetzt schreien förmlich nach abstrakten Räumen. Beth spricht auch von einem übergeordneten Thema, der antizipierenden Frauen in der Gesellschaft, immer ironisch gesehen. Ich zitiere Beth: “Variiert und neu gesehen waren die weiteren Versuche, Löcher in den Bildaufbau zu reissen oder zu schneiden und die Leerformen, um die es mir damals ging, mit disparaten Inhalten zu füllen.”

Den Collagen folgten Abreibungen, Versuche mit Zeitungsdrucken mit hauchzarten Tonfolgen. Collagenstrips, eine Aufteilung, wie bei den Comics, ohne Handlung, zur Schaffung einer irrationalen Beziehung. Zuletzt folgte ein breites Werk mit Federzeichnungen: grosse Tierkörper ausgefüllt mit surrealen Lebenseinheiten.

In der Kunstpolitik der Stadt Zürich fallen uns die negativen Auswirkungen zulasten der guten Künster, zu denen wir Elisabet Thalmann zählen, auf. Die Kuratorin, Marie-Luise Lehnhart findet es überflüssig, für ältere Künstler Ausstellungen zu organisieren. Verschwunden sind unter anderm die kollektiven Ausstellungen wie die Landausstellungen. Weiter stehnen das Helmhaus, der Strauhof nicht mehr für professionelle Kunstschaffende zur Verfügung. Die Kunstpolitik der Kuratoren läuft darauf hinaus, die porfessionellen Kunstschaffenden in einem Haufen von Anfängern, Sonntagsmalern und Amateuren in Monsterschauen wie der Züspa-Ausstellung dem städtischen Kunstbetrieb fernzuhalten und zu neutralisieren. Unterdessen ist die gleiche Riesenzüspa konsequenterweise ebenfalls eliminiert worden. Uns bleibt keine öffentliche städtische Ausstellung mehr. Wo und wie kann sich die Bevölkerung aus Stadt und Region informieren?

Die Liste der gestorbenen Künstler, angefangen von Carlotta Stocker bis Mario Comensoli und neuestens Secondo Püschel, die nicht mit einer retrospektiven Schau gewürdigt wurden, summiert sich an die 20 gute Namen. Die Werke, um nicht auf dem Flohmarkt zu enden, müssen bestenfalls mit entsprechenden Kosten in Stiftungen gerettet werden. Bei nur etwas positiverer und weniger zünischer Kunstpolitik wäre es mir und manchem Kunstliebhaber dann möglich, eines oder mehrere Weke von Elisabeth Thalmann an hervorragenderer Stelle zu sehen. Mit dem dringenden Verlangen, dass die Kuratoren den Kustschaffenden mehr Würdigung entgegenbringen, sage ich zu Beth Thalmann “auf Wiedersehen”.