Beth Thalmann

Spurensuche nach einer Zürcher Künstlerin

An der Lavaterstrasse 73 befindet sich eine kleine Galerie. Unscheinbar im Kellergeschoss eines Wohnhauses wurde dort ein Raum geschaffen, um den Nachlass der Zürcher Kunstmalerin Elisabeth Thalmann auszustellen und zu verkaufen. Rund 1500 Werke umfasst ihre künstlerische Hinterlassenschaft: Ausdruck einer unglaublichen Schaffenskraft und Kontinuität, die über mehr als 60 Jahre bis zu ihrem Tod am 3.Februaur 2000 andauerte. Die Zürcher Journalistin Esther Hürlimann hat nach den Spuren von Beth Thalmann gesucht.

Annäherung

Ein Porträt über Beth Thalmann schreiben. Eine verstorbene Kunstmalerin aus Zürich. Woran halte ich mich. Wovon nehme ich meine Eindrücke, um diesen Menschen für mich greifbar zu machen? Begriffe zu finden? Ich begebe mich auf Spurensuche. Ein Haus in Zürich-Enge, ihr Elternhaus an der Lavaterstrasse, das ihr gehörte. Bis zu ihrem Tod ihr Ankerplatz blieb. Hier in diesem Quartier, wo sich die strenge Zwinglistadt gerne auch etwas mit ihrer Wohlständigkeit brüstet. Zeigt, was sie hat. Zugibt, dass sie ihren Reichtum auch zu geniessen versteht. Sagt dieser Ort etwas über Beth Thalmann aus? Wer sie war, als Mensch? Als Künstlerin? Von hier aus spannte sie ihr Leben. Leinwand für Leinwand. Hier lebte sie, malte sie. Suchte nach einem Ausdruck. Für ihr Leben. Für ihre Kunst. Von hier aus sorgte sie auch vor. Schaute, dass auch nach ihrem Tod etwas von ihr lebendig bleibt. Sie, die kinderlos geblieben war, aber dieses Haus und viele Bilder hinterlassen hat. Sogar ein zweites Haus gibt es noch. Eine Mühle in der Normandie. Und mehr noch. Sie sammelte. Umgab sich gerne mit schönen Dingen: Gefässe, zierliche Möbel, die sie in Brockenhäusern und auf Flohmärkten fand. Alles ist noch da.

Eine Auswahl steht nun als Schmuck in der kleinen Galerie im Kellergeschoss. Hier hat ihr Cou-Cousin, der nun um den Nachlass besorgt ist, einen Ort eingerichtet. Eine Art Erinnerungsort. Ein Treffpunkt, wo eine Begegnung mit Beth Thalmann weiterhin möglich ist, wo ihr Werk weiterlebt. Verkauft werden soll. Es sind viele Bilder. Und jedes ist anders. Jedes mal wenn ich in der Galerie vorbeikomme, , ist wieder umgestellt. Kommen weitere, überraschende Schichten von Beth Thalmanns künstlerischer Vielfalt zum Ausdruck: sie verfügte über eine unendliche Breite, was die Farblichkeit, ihr Stil, ihre Technik anbelangte.

Aber wer war sie? Das aus 1500 Bildern bestehende Werk macht Beth Thalmann nicht greifbarer. Im Gegenteil: schon die kleine Auswahl, die sich in der Galerie jeweils präsentiert, bringt unzählige Temperamente, Stimmungen, Aussagen zum Ausdruck. Allein ihre Farben sprechen für alles. Der ganzen Palette von leuchtend grell bis düster matt hat sie sich über die sechzig Jahre ihres Schaffens bedient. Mal bunt, mal monochrom. War sie wild, war sie sanft, war sie exzentrisch, war sie frech? Auch von der Maltechnik her scheint sie sich am gesamten Spektrum der Malerei versucht und perfektioniert zu haben: Sie suchte ihren Ausdruck mit satten grosszügigen Pinselstrichen, im wässrig feinen Aquarell, in der dünnstrichigen Federzeichnung und schliesslich in der Collage – der von ihr bevorzugten Technik über die letzten drei letzten Lebensjahrzehnte.

Und doch sehe ich in der gestalterischen Vielseitigkeit Beth Thalmanns auch eine Kontinuität: Die vielen Bilder strahlen allesamt ein klares künstlerisches Selbstverständnis aus. Beth Thalmann schien sich ihrer Berufung gewiss: eine Künstlerin zu sein, die sich den Abstrakten verpflichtet fühlte. Mit Ausnahme ein paar weniger Werke, vermutlich aus ihren Anfängen (Beth Thalmann datierte nur wenige ihrer Bilder), die an die Maître naîve erinnern, taucht bei ihr kaum eine gegenständliche Darstellung auf: surrealistische Ölbilder auf Leinwand, expressionistische Aquarelle aus den 40er und 50er Jahren, plastisch-pastellene Collagen bis in die 90er Jahre und ebenfalls zum Schluss: mysteriös-subtile Tuschzeichnungen.

Ganz klar: Sie verstand sich als Angehörige einer europäischen Kunstgemeinde. Ihre Bilder reflektieren die verschiedenen Kunstströmungen ihrer Zeit; überall sind Verweise an jeweilige Epochen und ihre grossen Vertreter zu entdecken. Sie schien sich damit auseinander zu setzen, liess sich von ihnen inspirieren, vielleicht wollte sie sie nachempfinden – aber gekonnt. Ist das nicht Picasso, oder Braque? Beth Thalmanns Werk ist für die Betrachtenden auch eine Reise durch die verschiedenen Stilrichtungen der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

Begegnungen

Global war ihr Denken, ihr Schaffen. Lokal waren ihre Beziehungen, ihre Kontakte. Meine Spurensuche führt zu Menschen, die Beth Thalmann kannten. Sie privat aber auch künstlerisch begleiteten. Vor allem während der 50er un 60er schien sie in eine Art Zürcher Kulturszene integriert: Hanni Fries, Rolf Lipsky, Willi Goetz, Anna Blume, Milli Dürr und andere. Sie waren mehr als nur Freunde, sie teilten mit ihr auch das Schicksal, als Kunstschaffende eine Existenz zu finden. Kein leichtes Unterfangen in einer Stadt, wo der Lebensstandard sehr hoch ist und die Toleranz gegenüber alternativen Lebensweisen relativ gering. Zürich ist für ein klassisches Künstlerleben kein einfaches Pflaster. Mit ihren Kunstfreunden und -freundinnen verband sie ausser der Sehnsucht nach Anerkennung daher vor allem auch das Suchen nach einem konkreten Lebensrahmen, der die materiellen aber auch sozialen Bedürfnisse zu erfüllen vermag.

Rolf Lipsky, einer ihrer längsten Freunde, ist der erste, dem ich begegne. Schon am Telefon wird klar: der 75-jährige Zürcher Künstler freut sich, über Beth Thalmann zu reden. Die Erinnerungen an sie lässt er gerne hochleben. Ich besuche ihn in seinem Atelier in Höngg. Nur schwer finden wir einen gemeinsamen Platz, wo wir uns hinsetzen können. Der grosszügige Parterreraum ist überstellt mit Werkzeugen, Leinwänden, Holzleisten.

Das kreative Chaos aus Arbeitsutensilien und Sammelobjekten hat etwas Faszinierendes. Doch scheint die Vitalität und Phantasie, die diese Gegenstände einst in diese Künstlerwerkstatt trugen, nur noch reduziert vorhanden. Alles scheint hier etwas zum Stillstand gekommen zu sein und mit den Ablagerungen der Zeit überdeckt. Das Licht, das durch die raumlange Fensterfront grosszügig in den Raum dringt, ist durch einen Schmutzfilter an den Scheiben dämmrig geworden. Umso mehr erscheint dafür Rolf Lipsky selbst in seinem leuchtend roten Pullover als Lichtgestalt. Sein Strahlen ist von einer Fröhlichkeit, die sich im Reden von Beth Thalmann gelegentlich in so etwas wie Verliebtheit wandelt.

In seinen Schilderungen kommt nicht nur die Künstlerin Beth Thalmann zum Vorschein sondern sickert auch etwas von ihrer Beziehung zu Männern durch. In den ersten Jahren, als die beiden sich anfangs der fünfziger Jahre kennenlernten, verstand Rolf Lipsky seine Rolle als eine Art väterlicher Freund, der sie mit seiner Kritik und Ermunterung motivieren und fördern wollte. Offensichtlich schätzte sie das. Trotz ihrer Eigenständigkeit und einem emanzipierten Lebensverständnis als Frau schien Beth Thalmann Männern ihre Souveränität zu belassen. Das schaffte sie mit einer Kombination von weiblichem Scharm und Unnahbarkeit.

Rolf Lipsky war von Beginn an fasziniert von Beth Thalmanns Widersprüchlichkeit: «Sie war unternehmungslustig, temperamentvoll, heftig, immer kritisch, intelligent, sehr eigenwillig, neugierig, ängstlich, nie zufrieden, unsicher», sagt er.

Obwohl um 8 Jahre jünger, war er zum Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung künstlerisch selbstsicherer, hatte seine Rolle als Maler schon gefunden. Dieses Ungleichgewicht an Selbstsicherheiten scheint sich im Laufe der Zeit etwas zu Gunsten Beth Thalmanns gewendet haben. Weniger künstlerisch als sozial.

Vor allem vom Moment an, da sie heiratete, stieg sie statusmässig in den Augen Lipskys auf. In gewisser Hinsicht bedeutete Beth Thalmanns Hochzeit mit Georg Widmer auch einen Bruch einer Schicksalsgemeinschaft. Und hätte sie den aus diesem späten Eheglück resultierenden Wohlstand nicht mit ihrem Künstlerfreund geteilt, wäre da vielleicht auch Neid daraus gewachsen. Stattdessen entstand eine neue Faszination. Mit fast bewunderndem Respekt spricht Rolf Lipsky auch von «Schorsch» und dessen Grosszügigkeit. Viele schöne Feste mit genuss- und stilvollen Gelagen habe er im Hause Widmer-Thalmann erlebt, schwärmt er, zuerst in Schlieren, wo Georg Widmer Direktor des Gaswerkes war, und später im Elternhaus von Beth Thalmann an der Lavaterstrasse. Dazu kamen auch unvergessliche Aufenthalte in der Normandie, wo Beth Thalmann eine Mühle mit grossem Atelierraum besass, in der sie sich den Sommer hindurch aufhielt. Dort war sie ebenfalls integriert, stellte aus, empfing aber gerne auch Besuch aus Zürich. Das Private scheint in der Erinnerung das wichtigere Element in der Beziehung zwischen Thalmann und Lipsky.

Und die Kunst? Nach dem künstlerisch Gemeinsamen gefragt, muss Rolf Lipsky länger studieren. Schliesslich meint er: «Wir haben beide nicht gerne ausgestellt. Wir hatten nicht den Ehrgeiz, uns an bedeutsamen Orten zu zeigen oder die Wände kaufkräftiger Kunden zu zieren.» Immerhin konnten sich die beiden an verschiedenen Kollektivausstellungen beteiligen, wo man sie als Abstrakte wahrnahm. So gehörten sie beide zum Hausteam der Galerie Beno, einer kleinen Kellergalerie an der Rämistrasse, die sich auf die abstrakte Kunst spezialisiert hatte. Der Tachismus war denn auch etwas Verbindendes zwischen den beiden, worüber sie sich auch viel ausgetauscht haben. Doch während Lipsky thematisch seinen Motiven treu blieb, probierte Beth Thalmann alles mögliche aus, machte Reisen in verschiedene Techniken und Inhalte. Die Vielfalt, die Unbeständigkeit in ihrem Schaffen, hat er nicht immer begriffen. Eher befremdet habe ihn, als Beth ihm eines Tages erklärte, dass sie fortan den Pinsel nicht mehr anrühren würde, und sich nur noch der Collage zuwenden möchte. Es habe eine lange Zeit gedauert, bis er sie als Collagistin ernst genommen habe und ihre Collagen-Arbeiten schätzen lernte.

Ein weiterer Zürcher Künstler, der Beth Thalmann über all die Jahre ihres Lebens als Künstlerin aber auch als Freundin begleitete, ist Willi Götz. Ich besuche ihn in seiner Wohnung in Wipkingen, wo der Kunstmaler zusammen mit seiner Frau lebt – wenn er sich nicht gerade im Tessin aufhält, wo sich sein Atelierraum befindet. Genau wie bei Rolf Lipsky schon, scheint das Reden über Beth Thalmann von angenehmen Erinnerungen begleitet. Wobei sich auch Willi Goetz nur zurückhaltend über ihr künstlerisches Schaffen äussern mag. Irgendwie scheint es einen Ehrenkodex unter befreundeten Künstlern zu geben: man gibt keine wertende Urteile über das Werk von Kolleginnen und Kollegen ab. So bleibt es auch im Interview mit ihm bei einer Annäherung an die Lebenslinien von Beth Thalmann, bei einer respektvollen Schilderung über eine verstorbene Freundin. Kennengelernt hat man sich an einem Kurs der Volkshochschule ungefähr 1956. Schon kurz darauf kam es zu einer ersten gemeinsamen Ausstellung in der Galerie Pallette – sowohl für Beth Thalmann wie Willi Götz war es die erste Individualausstellung überhaupt: «Das war ein aufregender Moment. Wir wollten aus uns heraustreten. Sich zeigen. Gleichzeitig hofften wir, entdeckt zu werden, den grossen Sprung zu machen.» 1957 folgte ein weiterer gemeinsamer Auftritt in der Galerie Beno. Die Galerie des Ehepaars Benisovic war damals eine Art Nische in der Zürcher «Galeristen-Szene». Dort konnten sich auch Künstler zeigen, die noch über keinen grossen Leistungsausweis verfügten. Beth Thalmann hatte zu dieser Zeit guten Grund, Hoffnung haben zu können auf einen erfolgreichen künstlerischen Weg. Laut Willi Goetz konnte sie in dieser Zeit recht gut verkaufen, stiess auch bei den Kunstkritikern auf Beachtung. Gleichzeitig zeigte sich in dieser Zeit auch, dass ihr der Sprung in die Top-Class nicht so richtig gelingt. Wie zum Beispiel Hanni Fries, ihrer Freundin. Woran es lag? Wurde Beth Thalman unterschätzt? Willi Goetz denkt lange nach. «Ich glaube, dass es auch eine Wesensfrage ist, ob ein Künstler den entscheidenden Sprung schafft oder nicht. Es gibt solche, die können sich gut verkaufen und andere nicht. Beth Thalmann lag wohl dazwischen.»

Trotz dem ausbleibendem grossen Erfolg hielt sie jedoch an ihrer Kunst fest. Trotz Zweifeln an der eigenen Arbeit, trotz anspruchsvollem stetem Suchen nach einem eigenen Stil und Ausdruck war sie bis an ihr Lebensende produktiv. Was motiviert denn einen Künstler, wenn nicht der Erfolg? Willi Goetz antwortet zuerst für sich: «Mir war eigentlich immer klar, dass ich als Kunstschaffender für meine Kunst arbeiten muss. Ich konnte nicht damit rechnen, dass ich von meinen Bildern leben kann. Ich male konstruktiv. Abstrakt. Also nichts Gefälliges, das sich so einfach verkaufen lässt. Daher habe ich immer periodisch gearbeitet, als Lagerarbeiter, Abwart, Kaufmann, um dann wieder eine Zeit lang im Atelier verbringen zu können.» In dieser Hinsicht sei Beth Thalmann privilegiert gewesen. Sie musste sich um den Lebensunterhalt nicht kümmern. Zuerst war es ihr Elternhaus, später war ihr Mann für die materiellen Lebensbelange zuständig. Trotzdem wäre der Eindruck falsch, dass für Beth Thalmann ihre Kunst nur Hobby gewesen wäre. Sie war eine Kunstmalerin durch und durch. Hat für ihre Arbeit gelitten. Und unentwegt daran gearbeitet, sich zu verbessern. Willi Goetz bewunderte an ihr vor allem die handwerkliche Präzision, die sie mit ihrer Collagetechnik erreichte.

 

Öffentliche Resonanz

So unterschiedlich Willi Goetz, Rolf Lipsky und Beth Thalmann ihre künstlerische Laufbahn gestalteten, sie hatten alle drei etwa zur selben Zeit ihren Höhepunkt – zumindest was die öffentliche Resonanz ihres Werkes an Ausstellungen und in der Presse betraf. Ein Blick in die von Beth Thalmann gesammelten Zeitungsartikel über ihre Ausstellungen zeigt, dass sie Ende der 50er und anfangs der 60 er Jahre eine beachtliche Aufmerksamkeit erreichte. In diesen Jahren widmete sich ihr die Kunstkritik in regelmässigen Abständen und verfolgte ihre Entwicklung mit grossem Interesse.

Beispielsweise im Herbst 1957, als sie zusammen mit Willi Goetz in der Galerie Pallette ausstellt: «Die Malerin hat eine unmittelbare Beziehung zur Farbe», schreibt die «Zürcher Woche» vom 27.9.1957.

Und in der «Tat» vom 11.9.1957 steht zur selben Ausstellung: «Nicht das geringste schuldet Elisabeth Thalmann der bald antiquierten Branche der Abstraktion, dafür dankt sie manches, wenn nicht alles, den Informellen, die gegenwärtig, zusammen mit den Tachisten, Paris und andere Kunststädte unsicher machen. Sie hat in den letzten zwei oder drei Jahren in kleiner Anzahl ziemlich überzeugender Werke dieser allerdings schon um den ganzen Erdball verbreiteten Malart gezeigt.» Nur ein Monat später stellte Beth Thalmann im Rahmen der Gruppe Zinnober im Urania-Bunker aus. Auch das war der «Tat» vom 11.10.57 wiederum ein Hinweis wert: «Die Malerin befindet sich zurzeit in einem etwas undankbaren Übergangsstadium, man weiss nicht recht, ist es eine neue schöpferische Vorbereitungszeit oder etwas anderes, jedenfalls ist Schonung geboten, und nichts sollte forciert werden.»

Das Suchen nach neuen Stilformen scheint für die Kunstkritiker eines der markantesten Merkmale von Beth Thalmann gewesen zu sein. Auch kommt wie in den vorangehenden Zeitungsberichten immer wieder zum Ausdruck, dass die Kritik auf die abstrakte Kunst alles andere als gut anzusprechen war. So schreibt der Tages Anzeiger vom 15.2.61 anlässlich einer Ausstellung in der Galerie Beno: «Bei Elisabeth Thalmann ist eine Änderung des bisher eingeschlagenen Kurses zu notieren. Sie ist daran, der Fleckenmalerei abzuschwören…»

Im Dezember 1962 zeigt Beth Thalmann in der Galerie auch Collagen, die offensichtlich auf positives Echo stossen. So schreibt die NZZ am 7.Dez.62: «Man muss die neuen, überraschenden Werkproben dieser Zürcher Künstlerin zuerst aus Distanz betrachten. Elisabeth Thalmann wertet die Technik der Collage auf eigene und subtile Art aus. Es ist, als wollte sie aus einem zerschlissenen und zerflickten Daseinsbild, ohne Ruinenklage und Pathos, einen neuen, nicht rational ergründbaren Gesamtaspekt aufbauen.» Auch in der «Tat» vom 8.12.62 geht Kritiker Hugo Debrunner anlässlich der selben Ausstellung auf ihre Collagearbeit ein: «Elisabeth Thalmann hat sich von Anfang an einer vorwiegend spontanen Malweise zugewandt. Die dynamisch expressive und abstrakte Gestaltungsart scheint ihrem Temperament vollkommen angemessen. Ihr Stil ist einer steten Wandlung unterworfen. Sie zeigt Collagen, gleich den Kubisten und Surrealisten arbeitet sie mit geometrisch oder unregelmässig geformten Papierstücken, Schrift- und Fotofragmenten. Turbulente Vielfalt wirt künstlerisch verantwortungsvoll gezügelt; Formenspiel und innerer Ernst halten sich gross angelegt die Waage.» Dass sie in der Collage ihren künstlerischen Höhepunkt erreicht, wird in den folgenden Besprechungen ihrer Arbeit sehr deutlich. Die Schreibenden fühlen sich spürbar angeregt durch das, was sie von Beth Thalmann sehen.

Die «Neue Berner Nachrichten» vom 11.10.63 schreibt anlässlich der Ausstellung in der Galerie Socrate in Biel: «E.T. lässt uns mit ihren köstlichen Collagen viele jener abstrusen und prätentiösen Klebereien vergessen, die uns in letzter Zeit zu Gesicht bekamen. Es grenzt ans Wunderbare, wie sie aus den verschiedensten Fetzchen Papier eine harmonische Einheit zusammenbringt. Jedes ihrer Bilder trägt in sich den Zug des Planmässigen. Ebenso staunenswert wie die saubere Ausführung der Bilder ist das sichere Auge der Künstlerin.»

In der «Tat» vom 1.3.66 steht anlässlich einer Ausstellung von sechs Schweizer Künstler der Zürcher Kunstgesellschaft im Helmhaus: «Elisabeth Thalmann stellt 25 Collagen aus. Dramatische Wirkungen entstehen bei ihr aus turbulenten Wirbel geschnittener Formen, aus ständigem Wechsel des gestalteten Einsatzes, zupackender Bändigung der Energien. Vielfältiges Nebeneinander bunter, zart aufeinander abgestimmter oder klar kontrastierender Papiere werden da und dort durch Übermalung verschleiert oder dynamisch akzentuiert. Hinzukommendes Schaben, Einritzen oder Kratzen nunancieren die Erregung oder überspielen gelegentlich verunklärend die Form. Zu kraftvoller Abhebung gelangt die Gestaltung in einer Gruppe von schwarzgrundigen Klebebildern mit elementaren Schwarzweiss-Kontrasten und vielfältigen Übergängen, zuweilen abgehoben gegen einen leuchtenden Farbklang. Einige neuere kleinformatige Collagen sind auf ruhigere Wirkungen hin angelegt.»

Im Tagesanzeiger vom 2.3.66 anlässlich einer Ausstellung der Zürcher Kunstgesellschaft im Helmhaus von sechs Schweizer Künstler: «Schwer zu sagen, wem der Vorzug gebührt. Elisabeth Thalmann nimmt sicher einen vorderen Platz ein, denn diese Künstlerin wertet die Technik der Collage auf eigene und subtile Weise aus. Die vielfarbigen Papier- und Stoffteile werden teils locker ausgebreitet, teils kontrastreich angesammelt, und was Helligkeiten und Dunkelheiten vermögen, wie formale und farbliche Durchbrüche wirken, wie Härte und Weichheit,plane und geraffte Fläche sich finden und ergänzen können, das wird in allen Lösungen ansprechend gezeigt.»

Dass in späteren Jahren ihr Werk nur noch wenig Beachtung fand, hat keineswegs mit dem Nachlassen ihres künstlerischen Elans zu tun. Es spiegelt vielmehr auch die Kunstpolitik der Stadt Zürich, die ihre Kunstförderung und Ausstellungsprogramme in den letzten Jahren immer mehr auf das jugendliche Kunstschaffen verlegt hat. So wurden die jährlich stattfindenden Kollektivausstellungen für die Mitglieder von Kunstverbänden abgeschafft. Rolf Lipsky findet für diese unbefriedigende Situation bittere Worte: «Die Kunstpolitik der Kuratoren läuft darauf hinaus, die professionellen Kunstschaffenden vom städtischen Kunstbetrieb fernzuhalten und einem Haufen von Anfängern, Sonntagsmalern und Amateuren in Monsterschauen zu überlassen. Uns Kunstschaffenden bleibt keine öffentliche städtische Ausstellung mehr. Viele der letztens gestorbenen Künstler wurden nie mit einer retrospektiven Schau gewürdigt. Damit ihre Werke nicht auf dem Flohmarkt enden, sind sie auf die Unterstützung von Stiftungen oder Privatpersonen angewiesen.»

 

Der Nachlass

Beth Thalmann war insofern in einer privilegierten Situation, dass sie dank ihrer Vorsorge für ihr Werk ein würdiges Weiterleben in die Wege leiten konnte. Im Gegensatz zum Nachlass vieler verstorbener Künstler, der auf Flohmärkten verschachert oder lieblos auf dem Estrich verstaubt, hat sie dafür gesorgt, dass ihre Bilder weiterhin die Chance haben, in würdevollem Rahmen gesehen werden zu dürfen. Sie vererbte ihr Lebenswerk ihrem Cou-Cousin Felix Kramer, zu dem sie schon immer eine besondere Beziehung hatte, und von dem sie auch wusste, dass er sich für ihr Werk interessiert. Und ich denke, dass sie hierin in mehrfacher Hinsicht eine glückliche Hand hatte. Was schon für die anderen Menschen galt, die Beth Thalmann kannten, und von ihr erzählten, gilt im besonderen für Felix Kramer.

Wenn er von ihr spricht, scheint das mit positiven Gefühlen verbunden zu sein, in denen etwas liebevoll-zärtliches aber auch bewundernd-respektvolles liegt. Sie habe ihm als Jüngling aus streng zwinglianischem Haus das andere Leben gezeigt – das der Kunst und Lust – Kino, Theater, Operette, aber auch Zigaretten und Alkohol, sagt er. Die Freundschaft zwischen ihm und Beth (Tante wollte sie nicht genannt werden) dauerte an, auch als aus dem Jüngling ein Erwachsener wurde, und sich ihre Wege vorübergehend immer wieder auch in verschiedene Länder trennten. Näher kamen sie sich vor allem wieder in den letzten Jahren: 1990 als Beth Thalmann Witwe wurde und schliesslich 1999 als sie von ihrer Krankheit erfuhr. Felix Kramer und ihr Stiefsohn Urs Widmer waren es, die sie die letzten schweren Monate ihrer Krebskrankheit in den Tod begleiteten: Am 3. Februar 2000 verstarb Beth Thalmann 81-jährig.

Dr. Urs Widmer errichtete zum Gedenken an Beth Thalmann die Homepage: www.beth-thalmann.ch, ein beachtliches Unerfangen in dem das Lebenswerk dieser beachtlichen Zürcher Künstlerin gebührlich verankert ist.

Die kleine, sympatische Privatgalerie Beth Thalmann ist auf telefonische Vereinbarung zu besichtigen, gleichzeitig auch die Treppenhausgalerie: Lavaterstr. 73 CH-8002 Zürich – Tel. 044–201 64 06, Fax 044 201 56 21 oder kramer5(at)gmx.ch (In der Email-Adresse ‘(at)’ durch das entsprechende Zeichen ersetzen. Das ist ein kleiner Schutz vor Spam.)