Die am 11. April 1918 im Herzen der Limmatstadt geborene Elisabeth Thalmann war ein Einzelkind. Der liebevolle Papa Alois Thalmann, auch ein Einzelkind – und die vielbeschäftigte, dominante Mama Lina Gfeller führten das Zunfthaus zur Waag in einer Zeit, wo weder Waschmaschinen, elektrische Kochherde noch Zenteralheizungen den Wirten das Leben vereinfachte.

So war Bethli, wie sie genannt wurde, viel auf sich selbst angewiesen, wenn auch das zahlreiche Personal eines Zunfthausbetriebes mal hier und dort Miterziehersrollen übernahmen. Alois Thalmann war ein Koch von Ruf, der schon vor dem l. Weltkrieg an noblen Adressen in Moskau und Kairo den internationalen kulinarischen Ruf der schweizer Küche verbreitete. So war auch seiner grossen Liebe, der berner Bauerntochter Lina der weite Weg ins britisch verwaltete Suezkanalgebiet nicht zu beschwerlich, um ihren Alois zum Altar zu bringen. Lina Gfeller entstammte dem Bauernhof Brünnli in Oberwichtrach bei Bern, wo es noch gang und gab war, 11 Kinder zur Welt zu bringen – so gab es dann viele Cousinen und Cousins, mit denen das heranwachsende Bethli oft die Freizeit verbrachte.

Gotte Greti, zum Beispiel, die Tante aus Wichtrach, verheiratet mit Ernst Kramer konnte es gar gut mit ihr – das Wirtepaar war schon früher auf der Waag und führte damals das Restaurant/Hotel Gottschalkenberg. Die schönsten Erinnerungen Beth’s entsprangen dieser Gottschälli-Zeit; aus der Liebe zur Natur dieser herrlichen Gegend und zur Freude der Kinderspiele vor allem mit Cousin Eugen, der zwar leicht jünger aber wesentlich naseweiser, der kleinen Cousine Bethli die grosse Welt erklären. Cousine Trudi und Cousin Walter übernahmen oft die Aufsicht und stellten sicher, dass die Wünsche der Eltern nach Schutz und Einschränkung befolgt würden, zum Leidwesen der Heranwachsenden, die es nach der grossen Freiheit zog. Schon im zarten Alter von 16 reiste Beth nach England, Englisch zu lernen war das Ziel, Freiheit war die Meinung, doch sandten die Eltern bald Polizist Cousin Walter zur Einschränkung dieses Dranges in die englische Metropole – wo die junge, hübsche Schweizerin bereits schon englische Gentlemen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Ueberhaupt übten im elterlichen Haus an der Lavaterstrasse 73 in Zürich die Tanten aus Bern Mitspracherecht. Die freiheitsliebende junge Frau zog es hinaus, sie wollte dem Establishement entschwinden, fühlte sich politisch der linken Intelektuellen zugewandt und wollte ihre Liebe zur Kunst zum Beruf verwandeln. Früh schon versuchte sie, ihre Eindrücke in Farben und Figuren auf Papier zu bringen, der brotlose Künstlerberuf wurde familienseits nicht aktiv unter- stützt, doch waren die Eltern ständig beflissen, die Wünschen ihrer Tochter zu erfüllen, koste es, was es wolle – Beth genoss diese Freiheit sehr.

Als Sekschülerin fühlte sie sich verkannt, zu mehr fähig, alleine nicht durchsetzend.

3 Jahre Kunstgewerbeschule von 1937 bis 1940 (l Jahr allgemein, 2 Jahre Textilfach- Abteilung) beendete sie mit dem Diplom als Zeichnerin und Entwerferin. Es folgten Jahre als Hospitantin an der Kunstgewerbeschule in Zürich, verschiedene Beschäftigungen bei Seiden- Grieder, im Albsiswerk, für ihren Beruf nicht förderlich. Viel malte Elisabeth für sich, fand Motive, versuchte sich in Stoffmusterentwürfen. 1948 bis 1952 erfüllte sich der grossen Wunsch mit diversen Studienaufenthalten in Paris, erst an der Akademie LHOTE, dann an der Malschule von Fernand Leger, zum Aktzeichnen bei Chamiere usw. – Immer wenn Beth über ihre Pariserzeit sprach, leuchteten ihre Augen: Kunst, Liebe, Freiheit – was konnte schöner sein.

Der Tod ihres geliebten Vaters (1947) und ihrer Mutter (1962), die sie treu über Jahre pflegte und begleitete – waren prägende Ereignisse, die Elisabeth formten und reifen liessen.

Mehrere grosse Liebschaften konnten Elisabeth zu keiner Ehe überzeugen, sie zog ein ungebundenes Leben vor, bis sie den jahrelangen Bewerbungen des stattlichen George Widmer genannt Giorgi nicht mehr widerstehen konnte und 1970 in den Stand der Ehe eintrat – 20 Jahre lang teilten Elisabeth und Georg ihr Leben, zum Teil im Gaswerk Schlieren, wo Georg techn. Direktor war, zum Teil in der gemeinsam umgebauten und modernisierten Mühle in der Normandie oder an der Lavi (Lavaterstrasse). Sie reisten, malten, bauten um, genossen das Leben zu zweit. Als 1990 Georg seine “Lisbeth”, wie er sie nannte, verliess, begann ein neuer Lebensabschnitt, der des Alleinseins.

Doch Beth war wieder Malerin, was in den 20 Ehejahren eher vernachlässigt wurde – sie machte wunderschöne Collagen, stellte aus, machte Vernissagen, im Kunsthausfoyer, im Helmhaus (kollektiv mit GSBK) und in diversen Gallerien – ihren schöpferischer Geist und ihrer grenzenlosen Fantasie schuf sie zahlreiche Werke in erstaunlicher Farb- und Formgebung – Rohrzeichnungen, Strips, das Bildhafte wurde zur surrealen Ironie. Die herrlichen Abreibungen der Zeitungsdrucke in Collagen mit ihren hauchzarten pastellfarbenen Tönungen, aber auch die Comic Strips sind Zeugen eines unbegrenzten schöpferischen Werks, welches wir in ihrem Atelier bewundern können.

Leider war Elisabeth Widmer-Thalmann keine Marketingfrau – sie vertraute ihr Werk auch keiner Managerin an: Die Ambivalenz zwischen vermarktet oder Entdecktzuwerden endeten in einem eher enttäuschten Rückzug: “Egal, welche Qualität die Kunst heute bringt, es kommt vorerst auf die Beziehung, das Marketing an – nicht auf die Echtheit des Könnens”, diese vorherrschende Meinung wurde in Künstlerkreisen mehrheitlich vertreten. Die letzten Vernissagen waren für Beth eher enttäuschend, sie wäre vergessen und nur wenige würden ihre Kunst verstehen, meinte sie. Sie war ungläubig und erstaunt, wenn ihr Bewunderer für Ihre Kunst Komplimente machten, sie war realistisch genug um zu sagen, wer nicht verkauft ist nicht erfolgreich. Ihre eher schüchterne Natur erlaubte es ihr nicht, hervorzutreten, Beziehungen zu nutzen, sie wollte sich nicht in Szene setzen. Wenn sie auch immer wieder sagte, wie froh sie sei, alleine zu sein und ohne Rücksicht auf andere ihr Leben und ihre Kunst zu leben – im Alter gab sie doch oft zu, sie würde es vermissen, eigene Kinder zu haben. Freunde und Familien konnten diese Lücke auch nicht ganz schliessen.

Als im Sommer 99 eine bösartige Krankheit unerwartet ihr Leben veränderte, grenzten sie Träume von Freiheit und Unabhängigkeit ein – Aerzte und Therapeutinnen traten gewollt und ungewollt in ihr Leben – Auf der Suche nach sich selbst und den Ursachen dieser Krankheit wechselten sich die Lust zu Leben und der Wunsch zum Sterben stetig ab – die Rehabilitation nach der Chemotherapie im Sommer verlief erstaunlich positiv, das Leben schien seinen normalen Weg zu gehen, neue Farben und Motive aus Frankreich importiert bereicherten Ihre Arbeit – doch eine plötzliche Operation im Herst dämpfte ihren Optimismus – die folgende Rehabilitation brachte nicht die gewünschten Erleichterungen – die Hoffnung nach Leben wich dem Wunsch zu sterben: Sie entschlief ohne Schmerzen und entspannt am vergangenen Donnerstag um 06.30h früh – nach dieser würdevoll ertragenen Krankheit. Bis in die letzten Tage bestimmten ihr erstaunliches Gedächtnis und ihr scharfer Intellekt ihre Persönlichkeit, die uns fehlen wird.

In der Zeit ihrer Krankheit zeigte sie verstärkt ihre Eigenwilligkeit: Sie wollte niemanden mehr sehen, las keine Post, nahm keine Telefone entgegen – als hätte sie mit dem Leben abgerechnet. Sie freute sich aber doch über die zahlreichen Lebenszeichen, die ihr weitergeleitet oder vorgelesen wurden, doch kommunizieren wollte sie nicht!