Helmhaus

Helmhaus, Zürich (1951)
Weihnachtsausstellung

Die Tat vom 30. November 1951

Zürcher Künstler im Helmhaus

»Ausstellung unter dem Patronat des Stadtrates von Zürich«, heißt es in der Katalogzeitung. Es heißt aber darin auch, und zwar aus der Feder des Herrn Stadtpräsidenten: „Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei neuerdings betont, daß die Stadt nicht selber die Ausstellung veranstaltet. Träger sind die Künstlerverbände.“ Dieses „um Mißverständnisse zu vermeiden“, ist eine diplomatische Perle, denn auch dieses Mal wird es wieder Reklamationen regnen, so z. B. über den fast machiavellisch ausgetüftelten Wahlmodus der Jury (was für raffinierte Wahlstrategen waren da am Werke!) und die im letzten Moment erfolgte, nicht besonders korrekte Veränderung in der Zusammensetzung derselben, die einem einzigen Künstlerverbande, der Gsemba, das Monopol von Sitz und Stimme in der Jury sicherte. Aber der Reklamant wird vor der geschlossenen Front der Verbandswirtschaft stehen, hinter der sich selbst, wie wir soeben sahen, der Herr Stadtpräsident verschanzt.

Wie manchmal wir schon gegen diese Verbandswirtschaft – die sich leider nicht allein auf das Gebiet der Kunst beschränkt (und einen Staat im Staate bildet, ja, mehr noch: einen allmächtigen zweiten Staat im ohnmächtigen ursprünglichen Staat) – Sturm gelaufen sind und welche Stürme wir deswegen erlebt haben, werden wir unsern lieben Lesern nicht wiederholen müssen. Unsere Väter – das ist nun einmal unsere Ansicht, von der wir uns nicht abbringen lassen – haben die Zunftwirtschaft gewiß nicht aus dem Schweizer Haus hinausgeworfen, damit sie ihre schwächlichen Söhne wieder durch die Hintertüre hereinlassen.

Zweifelsohne kann es sich in diesem prinzipiellen Kampfe keineswegs darum handeln, Kunstmaler Max Gubler (dessen künstlerisches Schaffen wir vor ein paar Tagen ausführlich gewürdigt haben), der im Helmhaus mit bestem Wissen und Gewissen seines dreifachen Amtes als Präsident der Ausstellungskommission, Obmann der Jury und schließlich auch als Mitglied der Ankaufskommission waltete, als allgemeinen Sündenbock auf dem Altar der Eintracht zu opfern. Und am allerwenigsten kann er für die zweihundert Hinauswürfe, zu welchen die Jury geschritten ist, verantwortlieh gemacht werden (die Qualität der eingereichten Werke ist nicht immer unschuldig am schwungvollen Hinauswurf). Wie übrigens in der Katalogzeitung der Herr Stadtpräsident nur zu richtig schreibt: „Ihr Urteil wird nie die Zustimmung aller Künstler und Kunstliebhaber finden. Das kann gar nicht sein.“

Aber, wie es auch immer sei, zweifellos sind unter den etwa zweihundertfünfzig Werken, welche die gestrenge Jury passieren ließ, nicht wenige zu finden, die uns nicht lediglich deswegen teuer sind, weil dafür gleich Preise zwischen tausend und mehr Franken verlangt werden. Auffallend ist die Zahl der zwanzigjährigen und weniger als zwanzig Jahre alten Musensöhne, welche, wenn nicht als volljährige, so doch als vollwertige Künstler zur Ausstellung zugelassen wurden – ihrer sieben, worunter ein achtzehnjähriger Bildhauer, dessen Pferd in einer schwachen Stunde unter der Hand Marinis oder, in einer schwächeren, unter den Händen Links (Mitglied der Jury) entstanden sein könnte.

Nicht alles, was wider die Regeln verstößt und die Gesetze mißachtet, ist moderne Kunst. Unkenntnis des Handwerks (und überhaupt aller Dinge zwischen Himmel und Erde, außer dem zweiten Stock des einzigen alkoholfreien Künstler-Cafes von Zürich) ergibt noch lange kein hochmodernes Kunstwerk. Wir sagen dies, so schwer es uns fällt, nicht zuletzt deswegen, weil im Helmhaus plötzlich eine Pscudomoderne aus dem kunstgedüngten Boden geschossen ist, deren Primitivität keineswegs das Produkt eines sich selber müde und sich selbst gegenüber skeptisch gewordenen raffinierten künstlerischen Könnens ist, sondern das opportun als unverstandene junge Kunst getarnte Resultat eines geradezu an künstlerische Vollkommenheit grenzenden Nichtkönnens.

Mit diesen Pseudomodernen sind natürlich nicht im geringsten mehr oder weniger ungegenständliche Maler und Bildhauer, wie GraeserLohseGeßnerJacobKochSchießFehr usw. gemeint. Uebrigens werden die älteren Semester (Graeser ist bald sechzig), die in einer ihrer äußersten Reinheit wegen etwas skeptisch wirkenden Abstraktion verharren, da von den jüngeren überflügelt, so denn von Schieß, der mit seinen sechsundzwanzig Jahren über ein erstaunliches Malermetier gebietet, dem freilich vorläufig jede unjugendliche Schwere der Aussage und jegliches Beschwertsein mit Schicksalsfragen abgeht; dann von Jacob, dessen kleineres Oelbild mit seinen malstofflichen Kostbarkeiten mehrere größere aufwiegt, und schließlich von Koch mit seiner Holzskulptur, die einen Frauentorso darstellt, von dem bloß die allerweiblichsten Formen zwischen Kopf und Schoß wiedergegeben und rund im Raum entwickelt werden.

Daß man an der jetzigen Helmhausausstellung Gimmi und Morgenthaler begegnet, ist Gublers glücklichem Ansporn zuzuschreiben. Wenn man aber Gimmi neben Morgenthaler sieht und diesen neben jenem, dann merkt man baid, daß Gimmi ein unkorrigierbarer Klassiker und Morgenthaler ein unheilbarer Romantiker ist. Etwas verwaist kommen einem die beiden einheimischen Meister im Hauptsaal des Helmhauses vor, wo sich – an zwei oder drei Wänden – Kräfte melden, denen sowohl die skeptische – übrigens echt Gottfried Kellersche – Abgeklärtheit Gimmis wie Morgenthalers vornehmlich in der Abenddämmerung – wenn Weg und Steg gespenstisch wird – etwas ängstlich werdende Seele fehlt.

Ein Hauch der Auflösung, der Zerfalls, der Trostlosigkeit des Wohn- und Lebensraumes eines ganzen Geschlechtes weht einen aus Varlins “Haus in Zürich” an. Daß die bürgerliche Wirklichkeit nicht nur den Künstlern, sondern auch sich selbst gespenstisch wird, wer würde, in dieses Werkes Gegenwart, weiter daran zweifeln, besonders noch, wenn er kurz zuvor, im Zimmer nebenan, fast sämtliche Zürcher Maler, die gern etwas asketisch malen (lieber Salzheringe als Bachforellen), versammelt sah: KurfißMadritschOchsnerForsterHeßKohn? Es würde uns keineswegs überraschen, wenn aus dieser, übrigens nichts weniger als statutarisch konstituierten Malergruppe in absehbarer Zeit eine; stärkere Kraft ins Gehege der Mittelmäßigen bräche. Die stärksten nachdrängenden Kräfte scheinen sich freilich – man mag das bedauern oder nicht – bei den Abstrakten, allerdings nicht bei den orthodoxen der “Allianz”, zum Sturm auf die Zukunft zu besammeln.

Von allen Malern und Bildhauern, welche der Wirklichkeit Treue geschworen haben (und der Natur den Untertaneneid), vermögen, sei indessen nicht verhehlt, bloß jene restlos zu überzeugen, die der älteren, wenn nicht der ältesten, Generation angehören, die übrigens im Helmhaus höchst unvollzählig zum Zuge auf dem Schachbrett des Ruhms kommt (um nicht zu sagen: ziemlich dezimiert). Mehr als fünfzig Jahre hat im Helmhaus nur ungefähr ein Fünftel aller Künstler (der älteste ist der 73jährige Postimpressionist Bolliger), während ungefähr ein Viertel zwanzig bis dreißig Jahre zählt. Von einem Zukurzkommen des Nachwuchses kann also nicht die Rede sein.

Indessen wäre noch eine weitere Menge von Malern und Bildhauern zu nennen, deren Werke einen mehr als nur augenblicklichen Eindruck auf unserer Netzhaut hinterlassen haben: Billeter (“Runkelernte”),Erna BlenkHedwig BrausImgard Burchard (eine Neoprimitive par excellence), BriegerEsther BrunnerBurki (ein heimlicher Dichter in einem unheimlich geschickten Holzschneider), Buser (Zeichner seines Zeichens), Faesi, die beiden FreyFrühGinsig (unserer allerehrbarsten Landschafter einer), GieskerGschwend (zur Abwechslung einmal voll Mond-und Wasserpoesie), Margrit Gsell (die stets tüchtige), Margrit Hämmerli (eine Nymphe, die Nymphäen malt), HegetschweilerHellstern (über dessen Schaffen Kokoschkas hellster Stern leuchtet), Hug (mit einer edlen afrikanischen Jagdtrophäe: Albert Schweitzer in Lambarene), Hedwig HürlimannImfeld (der sich langsam, aber sicher von Marini emanzipiert), Kaminski (zartbesaiteter Beseeler des Modelliertons), Friedrich und Karl Maria KellerMimi LangrafLeber (schwer im Schwarzweißen watend), Liner (malt melancholisch Ort und Port), Meier (ausgezeichnet als Zeichner), MeisterSoppera (eine Art Außersihler Utrillo), SchedlerSchlageterSchoopBeth Thalmann (malt mit glühenden Laven vulkanische Krusten), Weber usw.

Aber, ach, es geht mit der Kritik wie mit der Jury. Auch da ist des Herrn Stadtpräsidenten Satz “Ihr Urteil wird nie die Zustimmung aller Künstler und Kunstliebhaber finden” nur zu sehr am Platz.

me.