Helmhaus

Helmhaus, Zürich (1958)
Weihnachtsausstellung

ZÜRCHER WOCHE, 20. November 1958

Zürcher Künstler im Helmhaus und Stadthaus

Am letzten Sarnstagabend wurde die alljährlich stattfindende Ausstellung Zürcher Künstler im Helmhaus und im Stadthaus zugleich aufs feierlichste und aufs fröhlichste eröffnet, erstens einmal mit einem kurzen Weiheakt in der Wasserkirche, dessen rhetorischer Teil unser Stadtpräsident und der Ausstellungsobmann bestritten, während ein Bläsertrio für die musikalische Umrahmung des Anlasses besorgt war – und dann zweitens, nach einem aufmerksamen Umgang durch die Schaffensschau, mit einem langen Empfang und Ball im Bunker beim Central, der von der Amag in zuvorkommender Weise für ein paar Stunden geräumt und vom Maler Guy Dessauges, dem Bühnenbildner der Zürcher Television, und von der Allgemeinen Plakatgesellschaft unter Wolfgang Lüthys Leitung mit alten französischen Plakaten aus dem Archiv der vorgenannten Gesellschaft und mit ein paar Aufschriften in die Station Central der generalgeplanten Zürcher Unter-Pflaster-Bahn und in eine Empfangshalle und in einen Ballsaal verwandelt worden war (auch die dynamische Verwaltungsabteilung des Stadtpräsidenten und das nicht weniger tatkräftige Hochbauinspektorat liehen ihre Unterstützung und ihr Material – Stellwände, Garderoben, Tische, Bänke – zur Benützung). Kantonsschüler spielten beschwingend zum Tanze auf und ein paar ungenannt sein wollende Kunstfreunde sorgten für die Bewirtung – Fütterung und sonstige Abfüllung – des Künstlervölkleins.

Die Ausstellung selbst bietet nicht ganz das gewohnte Gesicht, wurden diesmal doch eigens eine Anzahl von Züircher Künstlern im Alter von siebzig und mehr Jahren zum Mitmachen im Rahmen einer Ästesten-Ehrung, zu einer juryfreien Veteranenschau eingeladen. Ausstellen konnten sie also, was sie wollten, und ausserdem zwei Werke mehr als die meistbegünstigten Jüngeren. Freilich musste man sich aus Gründen chronischen Raummangels auf in Zürich wohnhafte oder heimatberechtigte Künstler beschränken wie GimmiHubacherHermann HuberIttenMorgenthaler. Denn gross ist der Andrang zur Helmhausausstellung, die eine Art Weihnachtsausstellung darstellt, an der die Stadt, sekundiert vom Kanton, mit ihren Ankäufen die dankbare Rolle des Weihnachtsmannes zu übernehmen pflegt, während die Jury, welche die Spreu vom Weizen zu scheiden hat, schon weniger das Christkind spielen und christliche Gefühle mimen kann.

Da in der Vorhalle des Helmhauses, unmittelbar am Passantenverkehr, ein geheizter Verkaufsstand für Graphik zu populären Preisen – nicht über hundert Franken – eingerichtet wurde, ist nun auch das grosse Publikum nicht nur eine kleine Elite, in der beneidenswerten Lage, sich in der Geberrolle Knecht Ruprechts zu bewähren und den Künstlern, ausser der üblichen Peitsche (Kritik muss leider sein), auch ein Stück Zuckerbrot zu offerieren. Auf grössere Ankäufe gewährt die Stadt übrigens immer noch den letztes Jahr eingeführten Steuerrabatt von zehn Prozent, das heisst, der zehnte Teil des Betrags der von einem Privaten im Helmhaus oder im Stadthaus gemachten Kunstkaufs wird ihm von den Steuern Abgaben und Gebühren abgezogen, die der Käufer der Stadt schuldet – diese Vergünstigung steht einzigartig in ganz Europa und selbst in Amerika da (eine angenehmere Art des Steuerzahlens gibt es wahrlich nicht, wenn es überhaupt eine angenehme Art des Steuerzahlens gibt).

Die Ausstellung dehnt sich, wie im Reglement vorgesehen, wiederum über das Helmhaus und das Stadthaus aus, wobei sich zweite noch weniger als das erste zu Ausstellungszwecken eignet – weder das eine noch das andere ist ja auch dafür gebaut worden. Im Helmhaus stellen erstens einmal die Veteranen die eingeladene Alte Garde aus und dann zweitens führende Künstler der mittleren und der jüngeren Generation wie Conzelmann, Dessauges, Faesi, Frühauf, Vera Haller, Hegetschweiler, Herbst, Max Herzog, Jonas, Koch, Moser, Rderer, Schiess, Schlageter, Wabel, Arnold und Ruth Zürcher, im Stadthaus hingegen ein paar schwer einzureihende Einzelgänger wie Berger, Bernegger, Grab, Walter Meier und überhaupt alle jene Künstler, die mit bestem Willen nicht im Helmhaus unterzubringen waren wie die talentierten DamenAdler und Thalmann oder ein keineswegs unbegabter Laienmaler wie Rütschi. Die Schalterhalle des Stadthauses wurde in einen Plastiksaal verwandelt. Der Verkehr mit den städtischen Amtsstellen nimmt da einen künstlerischen Charakter an.

Hätte die Ausstellungsleitung nicht die Alte Garde eingeladen, würde der abstrakte Zug und tachistische Schuh noch deutlicher spürbar sein. Die Veteranen bilden das realistische Gegengewicht – mit einer Ausnahme allerdings, derjenigen Ittens, der schon 1919 abstrakt war, dreissig Jahre vor allen anderen Abstrakten der Ausstellung. Man sieht dies, weil die Jubilare auch ältere und älteste Werke ausstellen konnten, wenn sie wollten. Das allerälteste Bild stammt aus dem Jahre 1909 und aus dem Atelier von Fritz Boscovits, aus der guten alten Zeit und ihrer Herrlichkeit.

Max Berger