Urania-Bunker

Urania-Bunker, Zürich (1957) 1957-00-00 bis
mit Künstlergruppe Zinnober

Die Tat vom 11. Oktober 1957

Junge Kunst im Bunker – so paradox dies klingt

Gruppe Zinnober im Urania-Bunker

Die zugleich symptomatischste und sympathischste Kunstausstellung in Zürich ist zurzeit diejenige der Künstlergruppe Zinnober im Bunker an der Uraniastraße. Künstlich beleuchtet, ist der zivilen Zwecken zugeführte Luftschutzbunker eines – so paradox es klingt – der romantischsten Ausstellungslokale der ganzen Stadt, vor allem ist er der modernen Katakombenkunst wie kaum ein anderes Lokal angepaßt. Daß ihn die zuständigen Behörden unserer jungen Künstlergruppe überlassen haben, von der jedes zweite Mitglied den Stoff zu einem hoffnungsvollen Maler hat, ist eher ein Genie als ein Schildbürgerstreich.

Nicht daß die Gruppe zum erstenmal ausstellen würde. Sie hat schon einmal in einem regulären städtischen Kunstlokal ausgestellt, konnte sich aber beim knappen Raum, den es dort hat, nicht richtig zeigen und sich entfalten. Jetzt reicht es im unterirdischen Bunkerlabyrinth, von ferne an dasjenige von Knossos auf Kreta erinnernd, fast zu einer Einzelausslellung für jeden Teilnehmer, von denen Frühauf, Goetz, Elisabeth Thalmann freilich keine Ueberraschungen mehr zu bieten haben, sind diese Künstler doch vor kurzem oder doch nicht vor langem in der Stadt ausgestellt worden. Man sollte das Wohlwollen der Kritik und die Geduld des Publikums nicht über Gebühr strapazieren.

Indessen scheint es an der Zeit zu sein, einmal etwas länger bei Frühauf zu verweilen, der sich zwar immer noch nicht ganz vom Paul Klee der mittleren Epoche loslösen konnte und in dieser Hinsicht vorläufig noch etwas epigonisch wirkt. Indem er bemalte Karton-, Pavatex- und Holzstücke auf die Malleinwand klebt, die manchmal aus ganz gewöhnlicher Sackleinwand besteht, erhält er so etwas wie farbige Flachreliefs mit genau ausgedachten Materialkontrasten von oft großer poetischer Evokationskraft. Wenn er nur dann und wann etwas differenzierter malen und der Farbmaterie, immer noch wichtiger als das Malmaterial, etwas mehr Aufmerksamkeit schenken wollte, würden wir viel von ihm erhoffen.

Zwar ist bei Emmy Adler alles noch ein klein wenig zu kunstgewerblich, noch schwebt und schwankt sie zwischen der geometrischen Abstraktion und der andern, der unförmlichen und unförmigen, ja, der fleckigen und klecksigen. Ein begabtes Frauenzimmer, würde man sagen, wollte man nicht mit franker Anerkennung kargen. Was Walter Moor malt, ist noch zu graphisch, seine Farbe klingt, noch zu wenig rein, um mit seiner Kunst schon spruchreif zu sein. Weiter ist da schon Traugott Spieß, in dem wir weder den ersten noch den letzten Zürcher Tachisten begrüßen (wie ein Oelfleck dehnt und breitet sich der Tachismus im Hafenbecken der einheimischen Malerei aus). Sein letztes Bild, ein Vulkangebiet aus der Vogelschau, ist auch sein bestes. Jenny Ferri hingegen ist wirklich noch etwas zu schwächlich und bläßlich, gottlob ist die Anämie keine perniziöse. ‘

Bei Elisabeth Thalmann wäre vornehmlich eine »Meersage« zu erwähnen, das verschwommene Traumbild einer versunkenen Stadt, etwa des sagenhaften Vineta, das die Ostsee an der Odermündung verschlungen haben soll. Es ist ihr fertigstes Bild von insgesamt achten, von denen die neusten sichtlich das tachistische Terrain auf dessen Tragfähigkeit abtasten. Die Malerin befindet sich zurzeit in einem etwas undankbaren Uebergangsstadium, man weiß vorläufig nicht recht, ist es eine neue schöpferische Vorbereitungszeit oder etwas anderes, jedenfalls ist Schonung geboten, und nichts sollte forciert werden.

Die hohe homöopathische Kunst vorsichtigen Dosierens übend, führt Rolf Lipski bloß vier Oelbilder vor, die uns freilich etwas zu altbekannt vorkommen; der Künstler wiederholt sich wohl zu oft, wenn er uns nicht einfach, auf unser schwaches Gedächtnis spekulierend, zwei-oder dreimal nacheinander die gleichen, einander wie Zwi- und Drillinge gleichenden Leinwände zeigt. Auch zwei nichtberufsmäßige Maler wären da zu erwähnen: Silvain mit seinem von den besten Beispielen inspirierten Postkubismus; Ferdinand Berger, der seine spanischen Motive nun auch in Sizilien, das einmal eine Zeitlang unter spanischer Herrschaft stand, und überhaupt ganz allgemein in Italien fortentwickelt.

Aber nicht nur diese beiden Sonntagsmaler im Uraniabunker sind, wie wir soeben hörten, mehr oder weniger der Gegenständlichkeit ergeben. Außer dem noch stark nach Rouault schmeckenden Postexpressionisten Willi Messmer, ist es vor allem auch Walter Meier, ein Neorealist, wie man keinen zweiten in Zürich zählt. Daß in der Künstlergruppe Zinnober nicht nur eine Tendenz geduldet wird, daß da jeder, echt friderizianisch, auf seine Fassung selig werden kann und das große Schisma der modernen Kunst, das heißt, deren Spaltung in eine gegenständliche und eine ungegenständliche Kirche und außerdem in zahlreiche Sekten der äußeren Einheit des gemeinsamen Auftretens keinen Abbruch tut, ist es eine Seltenheit in unserer Zeit, wert, eigens verzeichnet zu werden.

Auch Walter Meier ist ein Freizeitmaler, nur haftet seiner Malerei, außer im Figürlichen und im unbezwinglichen Bedürfnis, sein Granat- und Scharlachrot über jedes vernünftige Maß hinaus zu steigern (weniger wäre da mehr), nichts Dilettantisches mehr an: seine Stilleben aus dem Fleischer- und Fischerladen (sein grob zerschnittener großer Rocheen ist ein Meisterwerk oder doch Musterstück der Sorte) geraten zwar dann und wann an die Grenze des Schematischen heran, eine Gefahr, die sich aber bannen läßt. Schon Meier allein ist eines kurzen Besuches im Uraniabunker wert, ganz abgesehen davon, daß er da den Abstrakten teils informeller Färbung teils tachistischer Tönung einfach kraft der Qualität, eines souveränen Phänomens, die Waage hält.

me.