Galerie Waldorf

Frankfurter Rundschau, 12.5.1961, S. 8

Möglichkeiten des Malens

Drei Frankfurter Galerien im Mai

Wer in diesen feuchten Tagen des heuer wetterwendischen Mai die geplante Freibad-Premiere, den Himmelfahrts-Blitzurlaub ins Wasser fallen sieht, der schaffe sich vergnüglichen und lehrreichen Ersatz mit einem Gang durch Frankfurter Galerien. Deren sind erfreulich viele vorhanden und ihren Besitzern jeder Gast willkommen, fände er den Weg auch nur, um plötzlichen Regengüssen auszuweichen.

Wer also zu solchen Gelegenheiten in der Alten Gasse sich aufhält, der mag einen Sprung tun in das Haus Nummer zwei; dort stellt in seiner kleinen Galerie Benno Walldorf gegenwärtig vier Schweizer Künstler aus, sämtlich aus Zürich stammend und zum Hausteam der dortigen Galerie Beno gehörig. In Walldorfs Kellerraum findet man zunächst die sorgsam gebauten, mosaikartig unterteilten Bilder von Rolf Lipski, sämtlich braunrote Erfindungen eines geometrischen Talents, die freilich in der Serie doch als Wiederholungen ihrer selbst erscheinen müssen. Daß sie sämtlich nach einer ahnbaren Kreuzform konzipiert sind, macht überdies deutlich, daß hier Immergleiches gemalt wurde. Ihnen konfrontiert die feingesponnenen Tachismen von Maria Scotoni, zweifellos Sensibilität verratend, aber noch nicht freigeworden zu eigener Erfindung. Gelegentlich scheint sich diese Malerin an Tobey zu erinnern; große dekorative Reize in einigen Partien moosig und schimmelartig sich ausbreitender Farbströme von Gelb und Grün.

Neben Elisabeth Thalmanns diffus farbigen Bildern, die in einem legeren Schwebezustand verharren und gänzlich ohne Struktur und Form bestehen bleiben, sind es die Arbeiten von Willi Behrndt, die am ehesten von einer reichen, sich selbst genügenden Meisterschaft künden. Da ist jene stumpfe und bewußt “verschmierte” Tonigkeit des Bildes, von fern an Asger Jorn gemahnend, matter, nirgendwo heftiger Ausbruch weder der Farbe noch der figurativen Andeutungen. In Behrndts Bildern werden die Farbmassen aus bleichem Braunrosa und Braunlila andeutend figürlich bezeichnet: abtastendes Auge gewahrt da und dort Fragmentarisches aus Flaschen-, Kugel- und Zylindermotiven. Die Darstellung bleibt vieldeutig, ihre Ordnung ist nicht zum geringsten auch vom Betrachter gefordert.

Nur Schritte von Walldorfs Galerie entfernt, in der hochverdienten Zimmergalerie Frank, stellt zum zweitenmal in Frankfurt der 1931 geborene Bernd Rosenheim aus. In Rosenheirns Bildern dokumentiert sich zunächst eine einheitliche bildnerische Konzeption, weise Beschränkung auf die systematische Erforschung malerischer Raumprobleme. Die Farbe, bei Rosenheim stets überaus kräftig im Bild, hat keinerlei psychologische oder schmückende Funktion, sondern wirkt einzig raumbildend. Eine Beschreibung dieser Bilder müßte jeweils ein Kraft- oder Entladungszentrum erwähnen, von dem aus fortdrängende Farbströme horizontal oder diagonal zum Bildrand hin vorstoßen, dabei vielfach gestört und abgelenkt werden, so daß der Bildraum selber in uneinheitliche Bewegung gerät, strukturiert durch die Dynamik verschiedener sich überschneidender Kraftfelder. Der optische Eindruck dieser Bilder ist derjenige elektrischer Entladungen, wilden Funkensprühens, blitzender Feuerwerkskaskaden.

Bernd Rosenheim beläßt seine Arbeiten meist gerahmt: seine gemalten Kraftfelder verschicken ihre Impulse noch weit über den Bildrand hinaus und verebben genau dort jenseits der Bildfläche, wo die Vorstellungskraft des Betrachters erlahmt. Diese Bewegungsströme laufen erklärterweise jeweils parallel zur Bildfläche; inkonsequent und störend im Sinne der so erfreulich einheitlichen Konzeption Rosenheims scheint es uns daher, daß der Maler seine Leinwände, da, wo sie am Keilrahmen umknicken, nicht unbemalt läßt. Seinen sprühenden Kraftfeldern, derart “um die Ecke” gebogen, wird das Genick gebrochen. Ihre mögliche raumgreifende Wirkung hinaus in den Außenbezirk jenseits des Bildes wird dergestalt vereitelt. Doch rührt dies von der zufälligen Flexibilität der Leinwand als Malgrund: malte Rosenheim auf festem Grund, etwa auf Hartplatten, so wäre dieser Punkt schon aus der Welt geschafft.

Der Frankfurter Kunstverein stellt in seinem Haus Limpurg im Römer den Maler Fritz Heeg-Erasmus vor, eine Ausstellung, die mit weit über einhundert Titeln fast das Lebenswerk des heute sechzigjährigen Künstlers präsentiert. Kurt Leonhard, der zur Eröffnung am 30. April einführende Worte sprach, erwähnte drei Entwicklungsphasen des Malers Heeg-Erasmus: nach den Perioden der Gegenstandsdarstellung und der Genstandsauflösung stünder er nun mitten in der Phase der freien, traumhaften und mythischen Gegenstandserfindung.

Reizvoll und in gewissen Beziehungen “aktuell” erscheinen Heegs abstrakte Impressionen aus den dreißiger Jahren: blühende, von der Handschrift Monets oder Bonnards inspirierte Farbetuden, die musikalische Eindrücke vornehmlich Chopinschen Kompositionen ins Bild umsetzen. Dieser Periode einer japonistischen, empfindsamen Farbkalligraphie folgt die Zeit der spukhaften Gestaltungen und metaphorischen Figurationen. Im Haus Limpurg gehört die schwarz-weiß Serie Gestaltungen und Beziehungen im Zwielicht” sicher zum Höhepunkt der Ausstellung. In seinen zahlreichen “Urwesen”, meist in Aquarell, hat Heeg-Erasmus durchaus etwas Primitives der Gestaltung, von keinerlei modernem Akademismus verdorben.

Hanno Reuther

 

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