Sechs Künstler der jüngeren Generation

Ausstellung im Helmhaus Zürich

U. I. Die Gruppe von sechs Künstlern (Thalmann, Behrndt, Manz, Plattner, Spiess, Witschi)

hat auch schon zusammen ausgestellt; im Helmhaus ist ihr jetzt Gelegenheit geboten, eine größere Bühne zu betreten und das Publikum mit einer repräsentativen Auswahl von Werken zu gewinnen.

Rudolf Manz erlebt die künstlerische Inspiration von der Farbe her, die er zu architektonischen Gefügen aufbaut: wenn sein roter Würfel noch an eine Reklame für gutes Spielzeug erinnert, sind seine und gestuften Platten nicht ohne farblichen oder formalen Reiz. Sein “Blau II/1963″ wie die nicht mehr auf der planartigen Unterlage ein Dasein fristet, sondern eigene Dimensionen erreicht. Aehnliche Einsicht möchte man Traugott Spiess wünschen, der vom Publikum etwas zu viel verlangt: es ist kaum möglich, “Bewegung” oder “Erkaltung” in einer Farbfläche zu finden, die der Seite aus einem Musterbuch für gute Tapeten entspricht. Wenn Spiess sich einmal zu kieselsteinartigen Formen, zur Andeutung von Muscheln, entschließt, ahnt man ein Talent und eine Malerei, deren Mimikry so weit geht, daß sie sich der Wand angleicht. Eine gewisse Befangenheit charakterisiert auch die Plastik von Werner Witschi. Das Motiv der Staffelung ähnlicher Flächen ist zwar recht ergiebig, wirkt jedoch nur aus einem vitalen Grundgefühl heraus: bei einigen Werken Witschis hat die Anordnung der Lamellen etwas Verblasenes oder doch Zufälliges. Seine Absicht, “Raum und Farbe durchsichtig” zu gestalten, indem er violette Glasscheiben in Metallrahmen einpaßt, bedeutet einen ernsthaften Versuch, die Form durch ein irrationales Element zu ergänzen. Hermann Plattner gelingt es, in seinen Gemälden den Wirbel und den Sog der großer Stadt als Einheit darzustellen wobei der flüchtige äußere Eindruck verwischt durch die Dynamik des Dargestellten wie auch durch das Tempo des Betrachters (der von einem schnellen Fahrzeug aus Straße, Haus und Geleise zu erkennen scheint), sich zu einem Nebel verdichtet. Ans diesem Ineinander der Formen, welches von Signalaugen durchblitzt und von ungesehenen Gefahren bedroht ist, werden “Les associations dangereuses” zum Abbild eines Zustandes. Die grauen und schwarzen Formgeruppen sind dabei sehr geschickt auf eine einzige hellgrüne oder hellblaue, lichte Fläche hin bezogen.

Willi Behrndt vertritt die allerjüngste und unbekümmerte Richtung gegenwärtiger Malerei in großen und temporär bemalten Bildflächen. Er hat so viel Witz, daß die guten Einfälle ihm das gute Malen manchmal verwehren. Wir meinen damit: Wer Trivialitäten malt, muß mit äußerster Akkuratesse vorgehen, um künstlerisch zu überzeugen Wenn jedoch der Rest von gestreiftem Plastiktuch den Behrndt haushälterisch mehreren Werken appliziert, so ungeduldig angenäht ist, daß der Betrachter -sich beklommen fragt, wann wohl die ganze Kliddage herunterfallen werde – dann ist das ein Effekt, aber wohl nicht der gewollte. Und wer das akademische Zeichnen verulken will (Bild 1/9/5) sollte einen peinlich exakt, vielleicht sogar gut gezeichneten Charakterkopf bieten, um seine Absurdität innerhalb der geschluderten Umgebung sichtbar zu machen.

Einen bleibenden Eindruck wird man von den Collages der Elisabeth Thalmanns erhalten. Der Reichtum in ihrem Werk entspricht einer Fülle von Vorstellungen, die formal sehr bewußt gebändigt werden. Aus großem Abstand wirken die Collages daher wie farblich klar durchkomponierte Gemälde dir manchmal bunt sgar pastos erscheinen oder durch Umriß und Rhythmu Strenge erhalten. Aus der Nähe erst lassen sich die Bausteine erkennen – die Papierschnipsel fügen sich nicht durch “Verfremdung” zu Bildern zusammen, sondern die Künstlerin schöpft alle Möglichkeiten des vergilbten, zerknitterten, gerupften, mürb gewordenen Papiers aus, bunten Papiers, das im Regen gelegen hat, und glänzenden Papiers, frisch aus dem Reklameteil einer Zeitschrift geshcnitten. Die konzentrierte Geduld in Elisabeth Thalmanns Collages und die Bedachtsamkeit der Gestaltung tragen viel zum Erfolg der gegenwärtigen Helmhaus-Ausstellung bei. (Bis 20. März.)

Die Tat, 1. März 1966

Sechs Schweizer Künstler im Helmhaus

Die Zürcher Kunstgesellschaft hat ins Helmhaus fünf Maler und einen Plastiker eingeladen. Gemeinsame Ausstellungen führten schon früher alle sechs zusammen. Hermann Plattner und Werner Witschi, die bald sechzigjährigen Berner, sind seit ihrer Studienzeit freundschaftlich verbunden. Ihre Werkgruppen, ergänzt durch diejenigen des Thurgauers Rudolf Manz, dem Jüngsten der Gruppe, sind in den Haupträumen des Helmhauses auf einen lyrischen Grundton hin aufeinander abgestimmt. Im oberen Stockwerk folgen drei Zürcher. Bei Elisabeth Thalmann steigert sich die Komposition zu dramatischer Erregung und Kraft, während Willi Behrndt und Traugott Spiess eine grossflächig dekorative, etwas altmodische Formsprache pflegen.

Traugott Spiess nuanciert monochrome Flächen nur andeutend oder dann allzu summarisch. Willi Behrndt bevorzugt demgegenüber ein Kombinieren heterogener Formelemente, vom skizzenhaft Naturalistischen mit Anklängen an Pop-Art bis zu stereotyper Formwiederholung, durch Farbe und Lichtführung luftig leicht gehalten, mit scherzhaften Allüren auf transparente Wirkungen hin.

Elisabeth Thalmann stellt 25 Collagen aus. Dramatische Wirkungen entstehen bei ihr aus turbulentem Wirbel geschnittener Formen, aus ständigem Wechsel des gestaltenden Einsatzes, zupackender Bändigung der Energien. Vielfältiges Nebeneinander bunter, zart aufeinander abgestimmter oder klar kontrastierender Papiere werden da und dort durch Uebermalung verschleiert oder dynamisch akzentuiert. Hinzukommendes Schaben, Einritzen oder Kratzen nuancieren die Erregung oder überspielen gelegentlich verunklärend die Form. Zu kraftvoller Abhebung gelangt die Gestaltung in einer Gruppe von schwarzgrundigen Klebebildern mit elementaren Schwarzweiss-Kontrasten und vielfältigen Uebergängen, zuweilen abgehoben gegen einen leuchtenden Farbklang. Einige neuere kleinformatige Collagen sind auf ruhigere Wirkungen hin angelegt.

Die Werkgruppen der drei andern Künstler stehen einerseits betont jede für sich; anderseits berühren sie sich, wie erwähnt, im Hauptsaal soweit, dass dort ein einheitlicher Dreiklang spürbar wird. Er gelangt jedoch nicht zu voller Auswirkung, da bei jedem der Beteiligten die Tendenz zur Spezialisierung überwiegt.

Rudolf Manz variiert eine einzige Grundform, geometrisch plane, reliefartige Strukturen, Flugzeugaufnahmen vergleichbar, die Gebäudekomplexe in Gevierten von Feldern zeigen. Bei zwei freistehenden geometrischen Kompositionen in bemaltem Holz monotonisiert sich die architektonische Gliederung bis zur Erstarrung.

Werner Witschi zeigt Eisenplastiken und Bilder. Innerhalb der Plastik lassen sich zwei verschiedenartige Formungsprinzipien erkennen. Bei demjenigen der reihenhaften Summierung ähnlicher Grundelemente, aus denen gestaffelte Raumgliederungen entstehen, wird das Gleichmass dekorativer Variationen nur selten befreiend durchbrochen. Einige wenige seiner plastischen Kompositionen baut Witschi mit Stäben, auf eine schwebend gehaltene Raumdurchdringung hin. In der Plastik “Endlose Linie vielfach auf fünf Ebenen” überschneiden sich Gruppen von Parallelen, strahlenartig den Raum durchziehend, die Raumdimensionen nach innen hin sammelnd. In Ölbildern auf Japanpapier von 1961 ergänzen sich dunkel getönte geometrische Flächen und einzelne helle Diagonalen zu aktivem musikalischem Klang.

Als Grundthema der Oelbilder von Hermann Plattner kann man den Uebergang von Werden und Vergehen bezeichnen, formal gesagt von zerbröckelnder oder sich auflösender Form einerseits, Bildung zentrierender Zonen andrerseits. Die Farbe blüht und verwelkt, leuchtet auf und erstirbt. Der Bildgrund saugt ein und lässt zugleich Neues entstehen. Diese Thematik wird einheitlich durchgehalten, hin und wieder akzentuierter gestaltet. Beim zweiten Sehen erlebte ich diesen abstrakten und doch vegetativ lebendigen Formenbezirk im Ganzen als den am stärksten gesetzmässig gewachsenen Beitrag der Ausstellung. (Bis 20. März.)

Fünf Maler und ein Bildhauer

Zu einer Ausstellung im Zürcher Helmhaus

ks. Zu den Aufgaben, die sich die Zürcher Kunstgesellschaft und das Kunsthaus gestellt haben, gehören die Ausstellungen einheimischer Künstler. Sie finden zumeist im Helmhaus statt. Die neue Schau im Helmhaus fasst fünf Maler und einen Plastiker der Jahrgänge 1906 bis 1932 zusammen. Elisabeth Thalmann, Willi Behrndt, Rudolf Manz, Hermann Plattner, Traugott Spiess und Werner Witschi. Von all diesen Künstlern sind in den sechziger Jahren schon Schaffensproben in der Galerie Beno gezeigt worden.

Man hat, mit einigen Einschränkungengen natürlich, das Spektrum der modernen Malerei der letzten Jahre und Jahrzehnte vor sich. Da ist das Klebebild vorhanden, wie es einst von dem Dadaisten Schwitters mit den mannigfachsten Lebensbezügen “erfunden worden ist; da bringt sich der Konstruktivismus in reliefartigen Gemälden in Erinnerung; da drängt sich das Action Painting mit seiner spontanen Handschrift hervor; da hält der Neu-Realismus der Pop-Art mit plakatartiger Wucht seinen Einzug. Dazwischen behauptet sich mit leisen Pinselschwingungen eine Malerei, die allein mit dem Wachstum eines Blau oder Gelb auskommt, hält sich eine Plastik aus Eisenblech, die dem konstruktiven Gegenstand und seinen optisch-räumlichen Wirkungsmöglichkeiten huldigt.

Schwer zu sagen, wem der Vorzug gebührt; wer aufmerksam die Aeusserungen von Ausstellungsbesuchern beachtet, hört so viele Meinungen, wie Künstler vorhanden sind. Sicher aber nimmt Elisabeth Thalmann einen vorderen Platz ein, denn diese Künstlerin wertet die Technik der Collage auf eigene und subtile Weise aus. Die vielfarbigen Papier- und Stoffteile werden teils locker ausgebreitet, teils kontrastreich angesammelt, und was Helligkeiten und Dunkelheiten vermögen, wie formale und farbliche Durchbrüche wirken, wie Härte und Weichheit, plane und geraffte Fläche sich finden und ergänzen können, das wird in allen Lösungen ansprechend gezeigt.

Rudolf Manz hat ein abgeschlossenes Architekturstudium an der ETH hinter sich; da liegt es nahe, vor seinen Reliefs auf quadratischen Holzplatten an Modelle für Hochbauten in weitgespannter Landschaft zu denken. Diese roten und blauen Bilder stellen eine Verbindung von Konstruktivismus und Monochromismus dar, und diese Bezeichnung darf auf den einfarbigen “Würfel” übertragen werden, eine Bastelarbeit, die prismatische Holzstückchen so täuschend rings um einen hohlen Würfelkern geleimt hat, dass man an ein riesiges Zusammensetzspiel mit eingekerbten Stäbchen glaubt. Die Flachreliefs mit ihren Schichtwechseln und Strukturänderungen sind weit anspruchsvoller.

Die Bildtitel Hermann Plattners lauten beispielsweise “Elegie auf das alte Byzanz”, “Sommertag”, “GartenTapa”, “Le Goèlo” “Clown” und “Anthropomorph”. Das alles wird in gleicher Methode sozusagen “aus dem Aermel geschüttelt”, wird mittels Punkten, Strichen, Flecken und verwischter Farbe spontan mit der Hand geschrieben. Die Wirklichkeit ist vorhanden, aber sie wird nicht wiedergegeben sondern neu erfunden, wobei das Bildgeschehen auch für den Betrachter ebenso wichtig sein soll wie die Bilderscheinung Das Gelingen ist unterschiedlich, die Wirkung ungleich, aber jedenfalls bedeutet Plattners Action Painting in der Ausstellung eine wohltuende Abwechslung.

Aehnliches wäre von den grossen Bildtafeln von Traugott Spiess zu sagen. Im ersten Augenblick gewahrt man nur blaue oder gelbe Flächen; bei längerem Verweilen heben sich aus dem Malgrund feine Verästelungen hervor, zeigen sich zarte Netze und Aederungen gleich dem Myzelium von Pilzen, beginnen sich kleine Wellen zu regen und über die Bildfläche zu bewegen. Dann wieder scheint das Blau zu erkalten, oder es fängt an, sich in Schwarz zu wandeln. Braucht es viel Können und malerisches Empfinden, solche leise und lockere Farbschwingungen auszulösen; dass die Natur nicht fernsteht, darauf weisen Gemälde mit eingeschriebenen Ei- oder Muschelformen.

Bei Willi Behrndt setzt die Kunst sich selbst in Frage. Sie notiert und, schockiert, indem sie Natur und Zivilisation, Menschenbild und Erzeugnisse, der Technik, Kunstwerk und modische Gebrauchsartikel hart nebeneinander stellt. Unter der zerrissenen Zeichnungen, dem gespaltenen Bild einer Kuppelkirche ist ein Stoff für Sonnenstoren aufgeheftet; “Bi-Bi-Bi-Bii” heisst ein Bild von Zebrastreifen mit aufgedruckten Silhouetten von Küken.

Bleibt der Eisenplastiker Werner Witschi. Als Grundformen verwendet er dreieckig und rechteckig geschnittenes Eisenblech, Stücke, die teils in paralleler Folge, von Stäben gehalten, gleich metallenen Pflanzen oder Blumen in den Raum steigen und diesen in sich aufnehmen, teils den Raum mit gedrehten Flächen umfassen, teils gleich technischen Flugkörpern oder eisernen Vögeln durch den Raum sausen. Die Gedankenverbindungen, die solche Gebilde beim Betrachter auslösen, sind mannigfach; auch wechselt die ruhende Form mit der bewegten, das Statische mit dem Dynamischen. Witschi nimmt die Kunst ernst und will vielfältige optische Wirkungsmöglichkeiten aus ihr schöpfen. (Bis 20. März)

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