Galerie BENO, Zürich (1967)
Kollektivausstellung

Kritiken zu dieser Ausstellung:

Naturbeschwörung und gestaltete Zivilisation

fbr. Die gegenwärtige Ausstellung in der Galerie Beno bietet sich selbst als geschickte Komposition dar. Sie vereinigt Künstlerinnen und Künstler, die alle aus der Region Zürich stammen (bis zurn 20. Januar).

Mily Dür und Traugott Spiess darf man zusammen sehen: nicht nur wegen der Aeusserlichkeit, dass sie sich durch rein malerische Mittel mitteilen, während die ihnen beigesellten Kolleginnen und Kollegen ihren Werken Kollageteile einfügen, sondern vor allem, weil sie beide eine verehrend-lyrische Haltung zu einer magisch erlebten Naturwirklichkeit einnehmen. Trotz ihrer hellen Komplementärkontraste preist Mily Dür das Mütterlich-Umfangende der Erde, in der Keim und Frucht (oft als locker zwiebelförmig angelegte Schichtungen suggeriert) wohlgeborgen gedeihen können. Ihre Pinselzeichnungen, die sie unter dem Titel “Nacht- und Tagebuch eines Zeitgenossen” zusammengefasst hat, entbehren gerade des Zeitgenössischen. Dieser Surrealismus (immer wieder aufgeschreckte, noch traumverhangene Gesichter in einer netzverspannten Umwelt) entgeht dem – naiv verwendeten – Klischee ganz selten.

Spiess hat sieh dagegen von der Erde gelöst: er lässt seine zur letzten Einfachheit reduzierten Kern-, Tropfen und abgeplatteten Kugelformen in einem begrenzt-unbegrenzten Raum schweben und geistern, lässt sie als transparente Dünnschliffe sich übereinanderlegen. Er hat so eine sehr behutsame, arielhafte, entkörperte Malerei geschaffen. Dazu genügen ihm kleine und kleinste Formate, monochrome Klänge oder nur zwei Farbgegensätze (Rot/Blau). Er stellt nicht fest, er deutet flüsternd an und entrinnt keineswegs dem Schöngeistigen, das Verinnerlichung als unangetasteten Wert voraussetzt.

Vor kurzer Zeit sind wir Willi Behrndt mit prätentiös-tiefsinnig gemeinten Objekten in der Galerie Stummer & Hubschmid begegnet. Jetzt zeigt er sich wieder von jener Seite, die wir früher an ihm schätzten, jetzt finden wir in seinen Arbeiten wieder jene Haltung weiser Abgeklärtheit, die sich aber durchaus mit Witz und Kritik verträgt. Behrndt spielt mit Pop-Anklängen, die er auf ironische Weise verniedlicht, ja ins Poetische und Märchenhafte hebt. Dabei entstehen Kabinettstücke wie “Goldäpfel und Tourismus” (Kollagen von modernen Limousinen werden von einem gleichzeitig kindlichgläubig und doch auch geistvoll gemalten Apfelbaum-Signet überragt), oder es entsteht ein geradezu kulturkritisches Aperçu (drei Kollagen, zwei Rennwagentypen, wovon einer als historische Ausgabe in rasender Fahrt, und ein Autowrack an einem verlandenden Seetümpel, das alles mit einem gemalten, konstruktiv-ornamentalen Dekor kombiniert.

Die Kollagen von Elsi Wiskemann fangen das Erlebnis des unübersehbaren Gewimmels, der in Mengen auftretenden ähnlichen Elemente, der Raumverschachtelung und -vergitterung ein. Man denkt dabei an Häusermeere und Hinterhöfe. Elsi Wiskemanns urbane Kunst, die sich an unsere zivilisatorische Wirklichkeit hält, steht in genauem Gegensatz zum Naturmagismus von Mily Dür. Mit rechteckigen oder ausnahmsweise auch spitzwinkligen Klebebildfragmenten, die sie aus Illustrierten gewonnen hat, legt sie die Bildfläche dicht aus. Der uniforme Zug solcher Raumkammern (durch gedeckte Farbigkeit noch weiter betont) wird mittels einer nervösen Pinselschrift, die sich immer wieder zu Schnörkeln und Rädchen verdichtet, gelockert und belebt.

Elisabeth Thalmann weist sich als die stärkste der hier gezeigten Künstlerinnen und Künstler aus. Insofern den täglichen Abfall, aber auch Unaufgeräumtes aus tieferen Bewusstseinsschichten ausbreitet, ja mit heftiger Gebärde auf das Bildfeld ausschüttet, zeigt sie sich – wenn auch leidenschaftlicher und unvermittelter – mit dem Kollage-Altmeister Kurt Schwitters verwandt. Ihr völlig eigen ist aber der Versuch, gedankliche Assoziationen mit pop-artigen Metaphern (Lippenstift, mondäne Hunde und Frauen) zu verknüpfen. Am meisten liegt ihr am (zuweilen fremdrassigen) Menschen in allen Altersstufen-, an seinem Gesicht, das als tragische oder kosmetische e Maske mit leeren Augenhöhlen oder auch als Fratze aus dem farbigen Gerümpel dieser Welt und aus reinen Formrhythmen hervortaucht.

(Anmerkung von Hand: Tagesanzeiger 67 / Dr. Billeter)