Kunsthaus, Bern (1964)

GSMB+K

Kritiken zu dieser Ausstellung:

  • ne vom 1964-00-00 Kunstmuseum Bern – Schweizer Künstlerinnen stellen aus
  • National Zeitung vom 1964-11-18: Schweizer Künstlerinnen – Gesellschaftsausstellung im Kunstmuseum Bern

Quelle unbekannt, 1964

Kunstmuseum Bern

Schweizer Künstlerinnen stellen aus

ne. Die öffentlichen künstlerischen Sammlungen, so sagte einst ein berühmter Mann, gehören zu den Bollwerken der Kultur. Sie sind ein Ausdruck der “Gemeinbürgerschaft”, des gemeinsam Erarbeiteten, dessen, was. man als würdig erachtete, um es spätern Geschlechtern zu überliefern. Als Zeugnisse des Fleisses, des schöpferischen Gestaltens regen sie das ästhetische Empfinden an, wenden sie sich an den Geigt, an unsere sittlichen Kräfte. Sie legen Zusammenhänge klar, ermöglichen den Vergleich, das Urteil. Gelten diese Vorzüge nicht auch für die regelmässig wiederkehrenden Ausstellungen nationalen Gepräges, der GSMBA etwa, der Gesellschaft schweizerischer Malerinnen, Bildhauerinnen und Kunstgewerblerinnen, für Veranstaltungen also, die von der Weiterentwicklung des einmal Erworbenen zeugen und uns veranschaulichen, welches Einsatzes es bedurfte, um in der Kunst den unserer Zeit gemässen Ausdruck zu finden und zu formen?

Zum 25. Male in einem Zeitraum von sechs Jahrzehnten vereinigen die schweizerischen Künstlerinnen ihre Arbeiten zu einer umfassenden Schau. Eine mehr als zehnköpfige Jury prüfte in einzelnen Rundgängen die gegen 1500 eingegangenen Bilder, Plastiken und kunstgewerbliche Gegenstände. Eine Auslese von nicht ganz 400 Werken, die sich auf ungefähr zweihundert Künstlerinnen verteilen, füllt während fünf Wochen die Säle des Kunstmuseums. Sie vermittelt dem Betrachter eine Vorstellung vom künstlerischen Schaffen der Gegenwart. Sie orientiert über Versuche, neue Wege, gewährt uns einen Einblick in das Ringen um die Form, hebt das Erreichte ab vom Stande früherer Generationen. Talente, Temperamente – in ihrer Mannigfaltigkeit treten sie uns hier entgegen.

Wenden wir kurz den Blick zurück, 1954 stellten die Bernerinnen in der Kunsthalle aus. Wir begegneten einer stark lyrischen, einer genrehaften Malerei. Viel zarte Töne leuchteten uns entgegen, einschmeichelnde Laute wurden umgesetzt in farblichen Klang. In gefälligen Gefilden ergingen wir uns, in einem wohltemperierten Klima. Ein Jahr später breiteten die schweizerischen Malerinnen und Bildhauerinnen im Berner Kunstmuseum ihre Arbeiten aus. Der Reichtum an Spannung fiel uns damals auf, die Vielfalt in der Behandlung der Themen. Wir trafen bereits eine stattliche Zahl von Suchern, Drängern, Vorwärtsstürmern, die sich der Abstraktion zu ihrer künstlerischen Aussage bedienten. Neben diesen Pioniergestalten schritt die grosse Zahl derer, die sich der Ueberlieferung verpflichtet wussten. Als Vertreterinnen der “klassischen Kunst” erwogen diese Bewahrenden und Rückwärtsgewandten sorgsam die Perspektive, sie verteilten Licht und Schatten nach strengem Gesetz, bauten wohlerrechnet den Gegenstand im Räume auf und achteten im anatomischen Bereich auf Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit. Was der Rationalismus des 19. Jahrhunderts mit seiner Lehre von der Körperlichkeit der Welt, mit der Erfassung des Kosmos als eines gewaltigen Mechanismus verkündet hatte – in der Kunst fand es “auf höherer Ebenes seine Bestätigung, Erfüllung”.

Heute stehen die Bahnbrecherinnen, die sich dem Tachismus, der Abstraktion hingeben, mit den Bewahrerinnen des Alten ungefähr im Gleichgewicht. Das spezifisch Weibliche, der Zug zum Interieurhaften, leicht Idyllischen, zum Hellen und Gepflegten, Wohlumschützten – er tritt in den Hintergrund. Der Akzent liegt auf dem Schaffensakt, auf dem unbedingten Willen zur Aussage, und darin stehen die bildnerisch tätigen Damen nicht mehr hinter ihren männlichen Kollegen zurück (ein Archaismus eigentlich, diese Scheidung in zwei gleichschaffende, nach Geschlechtern getrennte Organisationen!). Die Beherrschung der malerischen Mittel ist in der gegenwärtigen Schau erreicht. Wir empfinden hier nichts mehr als überholt, verstaubt, vertrocknet. Und wo sich die Malerinnen vom Gegenstand lossagen, da geht es um einen ganz selbstverständlichen Ablösungsprozess. Kein gestelzter Avantgardismus tobt sich aus, es geht nicht um ein erzwungenes Dabeiseinwollen!

Weitausgreifend ist die Kunst, die uns hier vorgelegt wird, voll des Reizes all der Gemütsarten, der verschiedensten Blickrichtungen. Haben wir oben die Vorwärtsstrebenden von den im Vergangenen Lebenden abgehoben, so gilt diese Zweiteilung nur eingeschränkt. Es gibt nicht mehr einfach die Landschafter, die Ueberlieferungsgetreuen hier – die Eroberer des Neuen dort: die Grenzen verwischen sich. So finden wir kaum mehr die Naturnachahmer im Stile des 19. Jahrhunderts. Der hei-tergefällige und sauber gearbeitete Realismus, der Programm betonte Naturalismus – sie haben einer feinergestuften Naturbetrachtung den Platz geräumt, in der der Blick mehr auf das Ganze, auf das Wesenhafte, Symbolhafte fällt und in der auch das Bedrohliche, Unheimliche und Geheimnissvolle allen Weltgeschehens zum gestalteten Erlebnis wird.

Die flüchtigen Reize im Spiel von Licht und Schatten, wie sie der Impressionismus ungezählten Malern geschenkt hat, die Auflockerung, gerade: Zertrümmerung der Grenzen des Gegenstands durch die Mittel der Farbe, wie der Expressionismus und die Gruppe der Fauves sie heraufbeschworen haben, alle diese den Künstler von seiner einen Bindung an das Objekt befreienden Bestrebungen spüren wir auch in den Werken dieser Ausstellung. Eine neue Weise des Erlebens und Gestaltens hat hier ihren malerischen Niederschlag gefunden. Die Künstlerin – male sie nun gegenständlich oder abstrakt – stellt sich gleichsam über die vorgefundene Wirklichkeit und setzt, von den Fesseln befreit, den gewonnenen Eindruck in persönliche Schau um: viel kräftiger, viel eigenwüchsiger als sie dies noch vor wenigen Jahrzehnten wagte.

Nirgends berührt uns das Gegenständliche langweilig, konventionell, ganz im Gegenteil; wir begegnen weitatmenden Landschaften, grossräumigen Interieurs, wir freuen uns an den feiner Beobachtung entflossenen Stilleben und Ausschnitten aus dem Bereiche der Natur, an dem Neugesehenen, dem kühn Angepackten. Und wir schwingen mit, wenn wir in einzelnen Sälen der Ausstellung die abstrakten Kompositionen betrachten, tachistische Explosionen hier, mosaikartige Gebilde, ein ganzes Kaleidoskop farblicher Klänge dort; flüssige, tropfende Tinten, Formen, in denen ab und zu der Gegenstand noch nachklingt, während er andererorts aufgelöst ist in Rhythmus; in nicht mehr greifbare Tupfen, Ballungen, Striche.

Rund 250 Bilder beherbergt die Ausstellung. Ihnen schliessen bildhauerische Arbeiten sich an: Bildteppiche, Mosaiken und einen neuen S:ilwille zur Geltung bringende kunstgewerbliche Arbeiten sowie graphische Blätter.