Galerie BENO, Zürich (1962/63)
Einzelausstellung

Die Tat, 8. Dezember 1963

Drei Schweizer Malerinnen

Véronique Filosof

Als künstlerisch einprägsame Darstellerin des Appenzeller Volkslebens mit seinen alten Bräuchen und Trachten, seinen schwerfällig naiven Typen, ist Véronique Filosof, die gegenwärtig in der Galerie Läubli ausstellt, in den letzten Jahren bei uns bekanntgeworden. Hinter dem fremdländisch klingenden Namen steht eine gebürtige Baslerin, die mit einem Polen verheiratet ist. Der Basler Maler Sandreuter war ihr Onkel und ihr Vater hat sie in der Rheinstadt schon als kleines Mädchen öfters ins Museum mitgenommen. Seit Jahrzehnten mit allen Bildstilen Europas vertraut, kam sie selbst erst vor 12 Jahren zur Malerei.

Sie schaut mit klugen Augen in die Welt, wie ihre Figuren traumversponnen, mit etwas steifem Gehaben, voll innerer Wärme und milder Güte. Der Zöllner Rousseau, der König aller »peintres naifs« , war schon längst einer ihrer Lieblinge. Wie seine, so wächst auch ihre Malerei aus echter und krafivoller Naivität. Nie mischt sie in ihren Bildern die Farbe; für feinere Abstufungen des Kolorits dienen ihr unterlegte zeichnensche Schraffuren. Dies und die immer betont einfachen Konturen, die Wiederholung verwandter Formen, Haltungen und Gesichter verleihen ihren Bildschöpfungen im vornherein eine altertümliche Würde, Schwere um! Schlichtheit. Sie besitzen zudem stillen Glanz und grosse Ruhe. Als Grafik kann die straff durchgeführte Variation verwandter Motive auch in die Nähe des Dekorativen und Stereotypen gelangen. In einigen wenigen Blättern gerät die Farbgebung etwas ins Fade. Zu den eindrucksvollsten Aeusserungen unbewusster Kraft gehören drei in Oel entworfene grosse zylinderförmige Kartons mit Heiligenfiguren, Maria mit dem Kinde in der Mitte thronend, vorübergehend in der Kirche zu Ronchamp aufgestellt. (Bis 15. Dezember.)

Elsa Burckhardt-Blum

ist Zürcherin und eine bekannte Architektin: seit 1918 betätigt sie sich aber auch als Malerin. Auch ihre Werke sind schon in ausländischen Sammlungen vertreten. Seit jeher besitzen sie eine Grundanlage aus geometrischen Formen, die aus meditativer Sammlung entsteht. Die Farbgebung ist gedämpft, meist auf warmes Dunkel gestimmt und von wohltuender Ausgewogenheit. In den neuen Arbeiten der gegenwärtigen Schau bei Susanne Bottag wird der architektonische Bau häufiger als bisher aufgelockert, mitunter sogar preisgegeben. Zwischen und hinter geometrischen Formen breiten sich irreguläre zeichnerische Strukturen in schwarzer oder farbiger Tusche aus. Es entstehen flechtenartige oder erdgebundene schwerflüssige Schattengebilde. In andern Blättern überschneiden sich farbige Ringsysteme, die sich gegenseitig elastisch ausgleichen. Diese Gestaltungsart wendet sich vom Kontemplativen weg, einer aktiveren, zuweilen etwas unruhigen Formbildung zu. (Bis 22. Dezember.)

Elisabeth Thalmann

hat sich von Anfang an einer vorwiegend spontanen Malweise zugewandt. Die dynamisch expressive und abstrakte Gestaltungsart scheint ihrem Temperament vollkommen angemessen. Im Unterschied zur Arbeitsweise der beiden anderen Schweizer Malerinnen, deren Stil eine konstante Linie einhält, ist der ihrige stärkeren Wandlungen unterworfen. In der Galerie Beno zeigt sie gegenwärtig Collagen, darunter einige grossformatige. Gleich den Kubisten und Surrealisten arbeitet sie mit geometrisch oder unregelmässig geformten Papierstücken, Schrift- und Fotofragmenten, auch mit durchscheinenden Papieren verschiedener Porösität. Von Blatt zu Blatt entstehen in dynmisch rhythmischer Entfaltung, aus immer neuem Wurf, äusserst variationsreiche Kompositionen. Es können leicht mit dem Pinsel aufgetragene Farbstrukturen dazuommen. Dieser dauernde Wechsel erhält bändigendes Gegengewicht durch eine zu Kompaktheit drängende Verfestigung innerhalb der formalen Gliederung. Die Helldunkelspannung reicht vom klaren Weiss über alle Stufen der Grautöne bis zum Schwarz. Sie wird durch spärliche Farbtöne bereichert und belebt. Zur Sammlung trägt wesentlich der einheitlich schwarze Blattgrund bei, der die entstehende Figuration ohne Beengung haltend trägt und grossräumig umschliesst. Turbulente Vielfalt wird künstlerisch verantwortungsvoll gezügelt; Formenspiel und innerer Ernst halten sich gross angelegt die Waage. (Bis 8. Januar.)

Db.